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Paneldiskussion auf der NKG in Augsburg am 02.10.2025

Unter dem Titel Wer ist das Subjekt im “Neuen Klimaregime”? hatten wir im Rahmen des Arbeitskreises Geographie und Gesellschaftstheorie Sybille Bauriedl, Klaus Geiselhart, Matthew Hannah, Hanna Hilbrandt und Lucas Pohl zu einer gemeinsamen Diskussion auf der Tagung Neue Kulturgeographie 2025 in Augsburg eingeladen.

Hintergrund

Seit den 2000er Jahren hat die deutschsprachige Sozialgeographie einen beachtlichen theoretischen Pluralismus erfahren. Dieser ruft zu kontinuierlicher Verständigung über den Kern der gesellschaftstheoretischen Auseinandersetzung und, angesichts der veränderten Rahmenbedingungen der Polykrise, der Dezentrierung des Menschlichen in vielen jüngeren Theoriebezügen und weiterem, möglicherweise zu einer Neujustierung auf. Die zur Selbstverständlichkeit versierte kritische Differenzierung unserer Betrachtungen hat in den letzten Jahren eine Verunsicherung erlebt; ebenso ruft die planetare Wende in vielen theoretischen Angeboten zu einer Neuordnung unserer Verständnisse von Gesellschaft, Subjekt und Handlungsmacht auf.

Anhand ausgewählter Theorieangebote und möglicher neuer Schwerpunktbildungen wollten wir diskutieren, wer oder was das Subjekt(ivierte) im Kontext des gegenwärtigen neuen Klimaregimes darstellt und welche aktuellen gesellschaftstheoretischen Auseinandersetzungen wir dazu führen. Hierzu haben uns fünf geschätzte Kolleg:innen aus unserem Fach wertvolle Impulse mit unterschiedlichen perspektivischen Angeboten gegeben, die im Folgenden skizziert werden.

Diskussionsbeiträge

Hanna Hilbrandt hat die Frage nach der Verantwortung in der Klimakrise ins Zentrum ihrer Reflexionen gerückt. Informiert durch ihre empirische Forschung zu Städten (am Beispiel von Genf und Zürich) geht es ihr um die Frage, wie politische Verantwortungsübernahme für Klimaungerechtigkeiten im Zuge urbaner Transformationsbemühungen möglich ist. Die Stadt repräsentiert hier symbolisch das performative Subjekt der Verantwortung, empirisch zu ergründen durch die bewusste Reflexion der eigenen Verantwortungsdimension von z.B. Architekt:innen, Stadtplaner:innen, Geograph:innen, Soziolog:innen. Im Dialog mit diesen geht es ihr um die Klärung, wie Verantwortung zu bewusstem Handeln im Sinne vorwärtsgerichteter Verantwortung resoniert und umsetzbar wird (im Gegensatz zur rückwärtsgerichteten Verantwortung im Sinne des Haftungsprinzips nach Iris Marion Young).

Verantwortung wird also gedacht als Stärkung, im Sinne der Ability, um in herausfordernden Situationen angemessen zu handeln im Sinne von gerechten Regeln gesellschaftlicher Praxis. Mit Blick auf die normative Setzung nach Gerechtigkeit betont sie die Dissonanz in einem ungleichen Zeitalter zu leben angesichts intergenerationell ererbter Ungerechtigkeiten im gegenwärtigen Klima-Regime.

Mit Blick auf die Verantwortung des/ eines Subjekts betont sie die Responsiveness, also eine adäquate Verantwortung dahingehend, dass diejenigen mit entsprechenden Kapazitäten auch eine größere Verantwortung tragen, um gegen strukturierte Ungleichheit zu handeln. Bei diesen Kapazitäten sind nicht nur finanzielle Möglichkeiten angesprochen, sondern auch emotionale Dispositionen. Verantwortungsvolles Handeln sieht danach nicht vor, beispielsweise in Klimafonds einzuzahlen, sondern die Autonomie von vergesellschafteten Subjekten zu erkennen (vgl. Amy Allen).

Klaus Geiselhart hat das vergesellschaftete Individuum und den Personenbegriff ins Zentrum gestellt für seine Überlegungen nach den Merkmalen eines möglichen Subjekts in der Klimakrise. Er plädiert hierbei auch für eine Re-Humanisierung gegenwärtiger Debatten in der Neuen Kulturgeographie mit Blick auf menschliche Reaktionen (situativer, emotionaler oder vernunftgeleiteter Art). Er betont den Aspekt der Vernunft, die es menschlichen Subjekten ermöglicht, eigene Affekte zurückzuweisen oder sich einer Gemeinschaft zu unterwerfen. Ebenso erlaubt die Vernunft, oder fordert geradezu dazu auf, Verantwortung zu übernehmen.

Für die Frage der Verantwortung in der Klimakrise bringt er den Aspekt ein, dass Personen in Anerkennungsgemeinschaften leben. Unsere soziale Beziehungshaftigkeit ist folglich Teil von Verantwortung. Wie wir als vergesellschaftete Individuen Verantwortungskonstruktionen wahrnehmen, wäre mit Hilfe deskriptiver Ethik greifbar.

Persönlichkeitsmerkmale schlägt er vor, bewusst als Gegensatz zu Latours Klassenbegriff (Erdverbundenheit) zu setzen. Durch ein zu selbstverständliches nicht-mehr-in-Frage-Stellens posthumanistischer Positionen wird das Subjekt dezentriert und damit in seiner Autonomie aufgelöst, womit auch die Verantwortungsbezüge nicht klar identifiziert und benannt werden können.

Lucas Pohl geht in seinem Beitrag ebenfalls vom menschlichen Subjekt aus, rückt jedoch über die Psychoanalyse einen Subjektbegriff ins Zentrum, der sich v.a. aus Krisen ableitet. Er betont das Unbewusste als blinden Fleck der Macht im Sinne Foucaults und argumentiert, dass die Psychoanalyse interessante theoretische Impulse für das Neue Klimaregime verspricht, hier verstanden als gesellschaftlicher Moment, in dem die Widersprüche angesichts des anhaltenden Klimawandels immer deutlicher werden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der psychoanalytische Blick auf „Verleugnung”, die er als Rückgrat der „Externalisierungsgesellschaft” im Sinne Stephan Lessenichs bezeichnet. Demnach wird die fortschreitende Externalisierung ökologischer und sozialer Kosten dadurch gestützt, dass Wissen seine transformative Wirkmacht eingebüßt hat und das „Genießen” zum zentralen politischen Faktor geworden ist. Autobahnen, Ölfelder und Fabriken können vor diesem Hintergrund als „Landschaften fossilen Genießens” verstanden werden, während Slogans wie „Drill, baby, Drill” paradigmatisch für den Stellenwert des Genießens im Neuen Klimaregime stehen.

Anschließend spricht Pohl weitere psychosoziale Dimensionen der Klimakrise an: von ökologischer Trauer und Melancholie bis hin zu Angst und Wut. Schließlich fragt er, warum Konzepte wie Resilienz einen vermeintlichen psychologischen Ausweg aus dem planetaren Chaos versprechen, und argumentiert dafür, das resiliente Subjekt als neoliberales Subjekt par excellence zu verstehen, das einem systemischen Kollaps standhalten kann, ohne dabei seine Identität zu verlieren.

Matthew Hannah bezieht sich in seinen Gedanken auf den anti-subjektiven Strukturalismus aus Foucaults archäologischer Perspektive des Wissens. Er differenziert hierbei vier Ebenen zur genaueren Analyse:

Erstens die ‚Authorities of Limitations’, die unsere Gesellschaft schon öfters hervorgebracht hat, z.B. wissenschaftliche Stimmen in den Umweltbewegungen der 1970er Jahre, später auch unter Politiker:innen. Zweitens die ‚Surfaces of Emergencies’, wie z.B. Medien, Panel-Diskussionen, auf welchen die Bedeutungszusammenhänge, notwendiger Handlungsdruck u.a. auftauchen und verhandelt werden. Drittens die ‚Enunciative Modalities’, d.h. die Gruppen oder Instanzen, welche Wissen oder Expertise besitzen zu drängenden Fragestellungen oder Herausforderungen. Viertens die ‚Forms of Enrolement’, im Sinne des Handlungsraumes bzw. in der Form danach, wie Subjekte angerufen werden, sich als Klima-Subjekte zu positionieren.

Mit Bezug auf letztere Ebene ergibt sich die Frage, wie Klimasubjekte angerufen werden. Hierzu rekurriert Hannah auf den Appell an die Vernunft. Hierzu zieht der den Vergleich zu Personen in unterschiedlichen „Vernunft-Stadien” des Lebens heran: Ein Kind wäre mit Blick auf die Folgen der sogenannten Klimakrise ein unschuldiges Opfer. Ein Teenager würde bereits als alt genug eingestuft werden, um über die Vernunft zu begreifen, dass er oder sie es nicht (unverschuldet) verdient habe, was die Welt in der Zukunft zu bieten hat.

Hannah resümiert, dass die gegenwärtige Diskussion der Klimakrise eine Zumutung an Kompetenz mit sich bringe, die entsprechend differenziert werden muss.

Sybille Bauriedl eröffnet ihre Überlegungen mit der Irritation über die an die Sprechenden gestellte Frage: Wer ist das Subjekt (im neuen Klimaregime)? Sie artikuliert sehr genau das Unbehagen mit der darin mitschwingenden, vorauseilenden ontologischen Festsetzung durch das Prädikat „ist”; gefolgt von der Essentialisierung durch „das Subjekt”. Dies wird in ihren Ausführungen deutlich. Sie sieht die Zivilgesellschaft als Solidargemeinschaft als jenes „Subjekt” in besonders artikulierter Verantwortung.

Sie erläutert die Problematik der asymmetrischen Macht im Klimaregime der Gegenwart. Es sei schwierig, noch über Vernunft zu argumentieren oder diese zu erwarten. Während es im Wesentlichen um das Verhältnis von Subjekt und sozialen Bewegungen geht, sei das Anrufen des „Wir” in der Verantwortungsfrage zunehmend schwierig infolge der Macht-Asymmetrie. Das „Wir” müsse in Frage gestellt werden im Sinne eines universalen „Wir”.

Die Macht-Frage bringt sie ferner zur Frage der Autonomie, die infolge von Nicht-Anerkennung, Ausschluss etc. in Abrede gestellt wird. Aus sozialgeographischer oder politikwissenschaftlicher Perspektive sind handelnde Individuen, Politik, Unternehmen grundsätzlich autonom – im neuen Klimaregime werden diese jedoch als autonome Subjekte sukzessive in Frage stellt. Natur stellt ein Rechts-Subjekt dar. Als Subjekt im (neuen) Klimaregime sieht sie v.a. die Zivilgesellschaft.

Mit Referenz auf Judith Butler verweist Bauriedl auf Fragen von Gerechtigkeit und Vulnerabilität in Klimadebatten. Diese seien ein geeigneter Ausgangspunkt für ein kollektives Empowerment für politisches Engagement. Unmittelbar damit verbunden sei auch der Körper, wenn es z.B. um die Ernährbarkeit von Menschen gehe (mit Verweis auf den Plant Turn, der das Ernstnehmen der Bedeutung von Pflanzen mit sich brachte). Im Rahmen von Gerechtigkeits- und Verwundbarkeitsfragen erläutert sie auch die Hierarchie der Betrauerbarkeit, d.h. die Relevanz von Verlust (individuell sowie gesellschaftlich artikuliert).

Gleichzeitig betont sie das Paradoxon verschiedener Subjektivierungen und kollektiver Verwundbarkeiten. Mit Verweis auf Judith Govrin’s Grundlegung eines „Universalismus von unten” schlägt sie den Blick auf eine egalitäre Politik der Anerkennung von geteilter Verwundbarkeit vor, da es im Klimaregime vor allem um eine strukturelle Verwundbarkeit gehen müsse – auf der Suche nach gelebter Gleichheit in der Gegenwart (Govrin). Im gedanklichen Anschluss an Daniel Loick geht Bauriedl ferner auf die Notwendigkeit der sozialen Bewältigung der Unterlegenen im Klimaregime ein, die nur durch ein Ausloten der Möglichkeiten zur Emanzipation gegenüber mächtigen, reichen Gruppen erfolgen kann. Hierzu sind kollektive Praktiken notwendig, die sie zu Mitgliedern von Gegengemeinschaften machen können.

Sie resümiert mit Ausblick auf den gegenwärtigen Black Turn auf die Hoffnung auf Solidarität von unten, denn nur solidarische, humanitäre Lebensweise könne eine Antwort auf imperiale Lebensweisen geben.

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Referenzen

Allen, Amy (2008): The Politics of Our Selves: Power, Autonomy, and Gender in Contemporary Critical Theory. Columbia University Press.

Butler, Judith (2025): In welcher Welt leben wir? Passagen.

Chaudhary, Ajay S. (2024): The Exhausted of the Earth: Politics in a Burning World. Repeater Books.

Edelman, Lee (2005): No Future: Queer Theory and the Death Drive. Duke University Press.

Fanon, Frantz (1981): Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp.

Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens. Suhrkamp.

Geiselhart, Klaus (2021): Der Wille zur Verantwortung: Transaktionale Anthropologie und Kritik als Mediation. Velbrück.

Govrin, Jule (2025): Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit. Suhrkamp.

Lessenich, Stephan (2016): Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser.

Loick, Daniel (2024): Die Überlegenheit der Unterlegenen. Eine Theorie der Gegengemeinschaften. Suhrkamp.

Young, Iris Marion (2013): Responsibility for Justice. Oxford University Press.

Meier, Luise (2024): Hyphen. Roman. Matthes & Seitz.

Von Redecker, Eva (2023): Bleibefreiheit. S. Fischer.